15.03.2005

Télépopmusik - Angel Milk Biografie (german)

TÉLÉPOPMUSIK

"ANGEL MILK"

Elektronische Popmusik aus Frankreich ist in den letzten Jahren zum internationalen Markenzeichen geworden. Neben Air und Daft Punk gehören auch Télépopmusik mit ihrem wunderlichen Avantgarde-Pop zu dieser nouvelle vague von Klangkünstlern, die weltweit hohes Ansehen genießen. Gleich für ihr Debütalbum "Genetic World" (2002) waren Télépopmusik bei den Les Victoires de la Musique, dem wichtigsten Musikpreis Frankreichs, in der Kategorie "Bestes Elektronisches Album" nominiert worden. Dass von dem Debütalbum schließlich weltweit mehr als 250.000 Exemplare verkauft wurden, verdankten sie auch ihrem Überraschungshit "Breathe", der der französischen Formation sogar eine Grammy-Nominierung ("Best Dance Recording") einbrachte. Dem zauberhaft ätherischen Song folgte eine Zusammenarbeit mit Janet Jackson auf deren letztem Album "Damita Jo". Ihre Tourneen führten sie nach Moskau, Istanbul und zum Glastonbury Festival, nach New York und Puerto Rico. Auf ihrem neuen Studioalbum "Angel Milk" erweisen sich Fabrice Dumont, Stephan Haeri und Christophe Hétier, die drei federführenden Musiker und Produzenten von Télépopmusik, einmal mehr als Meister in der Kreation geheimnisvoll wirkender Atmosphäre, erfindungsreicher Downbeats und feinnerviger Songs.

"Angel Milk" ist wie ein Mobile, bei dem die Songs schwerelos umeinander kreisen. Neben der experimentierfreudigen und mitunter enorm fragilen Klangarchitektur, die exotischen Samples, cineastischen Scores und jazzigen Backgrounds gleichermaßen Platz einräumt, sind es vor allem die Stimmen, die den Songs von Télépopmusik Seele und Tiefgang verleihen. Dabei ergänzen sich der technoromantische Sound des Trios und die von den jeweiligen Gesangskünstlern stammenden Lyrics geradezu perfekt. Das rauchige Timbre der Schottin Angela McCluskey und die beschwörenden Worttiraden des Rappers Mau, die beide schon auf "Genetic World" zu hören waren, werden diesmal komplettiert um die lupenreine Soulstimme von Deborah Anderson, die sich durch ihre Aufnahmen für das Label Mo Wax und DJ Shadow empfohlen hat. Angela McCluskey, die jüngst ihr viel beachtetes Solodebüt "The Things We Do" veröffentlichte, fallen vor allem die torch songs zu, bittersüße Balladen, die wie "Don't Look Back" die Liebe nahezu mythologisch beschwören, oder die sich, wie "Love's Almighty", zu einer grandiosen Big-Band-Jazzballade aufschwingen. Was für eine Stimme!

Deborah Anderson verfügt über eine nicht minder großartige und gefühlvolle Stimme. Bei "Into Everything", dem ersten Singlekandidaten, drängt sich durchaus zu Recht die Assoziation mit Everything But The Girl auf, besonders durch Andersons hypnotische Gesangsperformance. Die luftig leichte Dance-Produktion macht diesen Song zu einem der clubtauglichsten, denn zweifellos überwiegen auf "Angel Milk" die Chill-Out-Serenaden, die dem Album den Charakter einer introspektiven Expedition verleihen. Wenn sich Rapper Mau (Eartling, Dirty Beatniks) auf "Last Train To Wherever" in ein wahres Mantra hinein steigert, erinnern Télépopmusik an Massive Attack in ihren besten Zeiten. "Angel Milk" steckt voller wundersamer Songs, die lange nachwirken: ein Panoptikum akribisch gesetzter Drum'n'Bass-Patterns, aufgelockert durch mikroskopische Dissonanzen, immer verspielt, doch nie den roten Faden verlierend. Die weit reichenden Assoziationen, die die Musik von Télépopmusik auslöst, führen vielleicht dazu, nach dem Genuss von "Angel Milk" zu göttergleichen Perlen der Vergangenheit wie Bernhard Herrmann, Miles Davis oder George Gershwin zu greifen.

Für ihr neues Album haben sich Télépopmusik ein komplettes Jahr in ihr Pariser Studio zurückgezogen. Auch außerhalb ihres gemeinsamen Projekts waren die drei Klangtüftler nicht untätig. Fabrice Dumont ist von Haus aus Bassist, gründete einst die Popband Autour De Lucie und arbeitete unter anderem mit Philippe Katherine, Anna Karina und Françoiz Breut. Zu seinen letzten Arbeiten zählt der Soundtrack zu Catherine Corsinis Kinofilm "La Répétition", der 2001 auf dem Filmfestival in Cannes seine Premiere feierte. Christophe Hétier, der für "Angel Milk" alle Arrangements übernommen hat, ist als DJ unter dem Pseudonym Antipop bekannt und hat sich zuletzt ebenfalls auf die Abmischung von Filmsoundtracks spezialisiert. Stephan Haeri ist gelernter Toningenieur, aber ein ebenso ausgezeichneter Keyboarder und Programmierer. Unter seinem Pseudonym 2Square hat er jüngst sein Soloalbum "Superconductivity" veröffentlicht.

Als Kollektiv, zumal im Verbund mit ausgezeichneten Sängern, sind Télépopmusik eine Klasse für sich. Die wohltemperierte Mischung aus drei zwischen Himmel und Erde pendelnden Stimmen und verwegen ätherischen Kompositionen von superber Dramaturgie verleihen ihrem neuen Album einen einzigartigen Charme. Avantgarde-Pop zwischen musique noir und space odyssey. "Angel Milk" zu genießen, heißt, dem Zauber von Sirenen zu verfallen.

März 2005