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20.08.2007

Biografie: "Deutsch 2007"


"OVERPOWERED"
Biographie

EIN IRISCHER VAGABUND
(Einleitung)

Seit meiner Kindheit bin ich recht viel umgezogen. Als ich zwölf Jahre alt war, zog meine Familie von Arklow, einer Kleinstadt im Süden Irlands, nach Manchester. Als ich 15 war, zog es meine Familie nach Irland zurück; ich aber blieb in Manchester.

Mit 17 zog ich nach Sheffield, ich wollte auf die Kunsthochschule. Dann traf ich Mark Brydon und wir spielten ein paar Stücke ein, wo ich sozusagen Zeilen ‚daherquatsche', etwa "Do You Like My Tight Sweater?" und "See How It Fits My Body". So entstand Moloko. Ich war furchtbar aufgeregt, als man uns einen Plattenvertrag anbot, der sechs Alben umfassen sollte, aber Mark, Pragmatiker der er ist, wies mich darauf hin, dass, falls das Unwahrscheinliche einträfe und wir es wirklich schaffen sollten, sechs Alben zu machen, irgendwas verdammt gut gelaufen sein müsste.

Ich lebe nun schon seit einigen Jahren in London. Natürlich haben wir für jedes der sechs Alben Tourneen absolviert, hauptsächlich innerhalb Europas, aber manchmal fuhren wir auch weiter weg, nach Australien, in die USA, wir haben auch viele der Staaten Osteuropas und Russland bereist. Ich bin ganz schön herumgekommen.

Ich kann mir nicht vorstellen, eine Platte zu machen und dabei nicht völlig vom Entstehungsprozess aufgezehrt zu werden, obwohl ich mir das schön vorstelle. Ich glaube nicht, dass ich jemals völlig zufrieden sein werde. Bei diesem Album liefen die Stücke zweifellos von Pontius zu Pilatus; ich habe an der Seite von vielen wirklich großartigen Menschen gearbeitet, war immer dabei. Ich habe Songs in Miami, London und Barcelona geschrieben, wir haben zusätzliche Produktionstage in Sheffield anberaumt, haben die Streicher in Philadelphia aufgenommen, die Mixes in New York, Jersey, Miami und Las Vegas gemacht sowie in jedem Londoner Studio, das ein Neve-Mischpult aufweisen konnte, und schließlich bin ich für das Mastering nach New York City zurückgekehrt.

RARE GROOVES
(Eine einflussreiche Reise)

Bevor ich mit der gemeinschaftlichen Arbeit an "Overpowered" begann, fuhr ich für einen Showcase nach New York. Danny Krivit hatte mich gefragt, ob ich "Forever More" singen wolle, ein Song von Moloko. Drei Jahre waren seit der Veröffentlichung vergangen und für ihn war es zu einer Art Hymne für seine Partys avanciert. Die "718 Sessions", die einmal im Monat sonntags stattfanden, hatten genau da angesetzt, wo "Body and Soul" aufgehört hatte. Ein ganzer Sonntag, wie Northern Soul mit einem Schuss Haute Couture. Ich sang zu der Version von Françoise K. Das ist ein abgespeckter, rein elektronischer Remix, der die Architektur des Songs und seine Essenz als reiner Discosong freilegt. Traurig glücklich, glücklich traurig. Ich sang auch "Cannot Contain This", ein weiteres Stück vom Moloko-Album "Statues". Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, Stücke von meinem Soloalbum "Ruby Blue" zu singen, das zwar aktuell war, aber sich kaum für einen Discoabend eignete.

Ich hatte viel Spaß und als wäre das nicht genug, bat ich Danny noch um ein Mixtape, und er gab mir gleich zehn Stück. Mehrere hundert Songs, manche kannte ich und hatte schon zu ihnen getanzt, andere waren mir unbekannt. Die Titel, die ich auf meinem iPod am häufigsten hörte, waren: "Keep On" von D Train, "Spank" von Jimmy Bo Horn, "You're The One" von Little Sister, "Number One" von Patrice Rushen, "Together Forever" von Exodus, "No Way Back" von Adonis und die Original-Danny-Krivit-Editionen von Lenny Williams' "You Got Me Running" und Diana Ross' "No One Gets The Prize". Das Stück ist neun Minuten lang, und das lief bei mir rauf und runter. Viel gehört habe ich auch Dannys Edition von "Stay This Way" von den Brand New Heavies.

Anderes Zeug, das mir gefiel, stammte von Robert Palmer, Gwen Guthrie, Lisa Stansfield, Freeze, Mantronic, Universal Robot Band und Rene & Angela. Es gibt auch noch Spuren des Manchester Sound, von ganz früher, als ich erstmals Acid House hörte und in diese verruchte Clubszene eintauchte. Mit "Voodoo Ray" überschritt ich Grenzen, ich war nun nicht mehr besessen von Sonic Youth oder Jesus & Mary Chain, sondern hörte nur noch Tanzmusik, so war Manchester eben: Bands wie ACR und die Mondays liebten Kraftwerk und Marvin Gaye; 808 State schwärmten von den Stooges und Can.

Ich bekam einen Plattenvertrag bei EMI, weil ich sie an Robbie Williams erinnerte.

SHEFFIELD SEX CITY
(Die Arbeit am Album beginnt)

Als ich anfing, meine Gedanken zu sammeln und die Einflüsse zu ordnen, die ich in "Overpowered" mit einbringen wollte, hatte ich das Bedürfnis, wieder nach Sheffield zu gehen. Ich führte dort lange Gespräche mit Parrot, einem alten Freund, mit dem ich schon immer mal was machen wollte. Ich erzählte ihm, dass ich lauter alte Disco- und House-Scheiben hörte und er gab mir Listen mit noch mehr Stücken, die ich mir seiner Meinung nach anhören sollte. Wir dachten schon darüber nach, wie das alles in die heutige Musiklandschaft passen würde und ob das irgendjemand würde hören wollen. Mit der Tanzmusik so wie sie damals war, wer konnte da sicher sein? Aber es erschien uns nur natürlich, diesen Weg nicht einzuschlagen.

Also begann ich meine Arbeit: in London mit Seiji, in Barcelona mit Andy Cato, in Hoxton mit Richard X. Dann fuhr ich nach Miami und arbeitete mit Jimmy Douglass und dem Boy III Factor. Der ist erst 24, aber er geht mit der Studiotechnik und dem ganzen Computerkram um wie Jugendliche Nintendo spielen: schnell und präzise. Die Aufnahmen der Streicher in Philadelphia (ein wahrer Traum für mich) unter Larry Gold (eine wahre Legende) - das war Wahnsinn. Ab und an schickte ich Material nach Sheffield zurück, zur Durchsicht und um ab und an etwas zu justieren. Ich schrieb auch ein paar Songs mit Parrot und seinem musikalischen Kompagnon Dean Homer. "Cry Baby" ist ein wahrhafter Disco-Marathon. "Scarlet Ribbon", eigentlich das einzig wirklich langsame Stücke, das ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe, wurde von meiner Band lässig im Stil von Lover's Rock interpretiert; produziert hat das Stück Dan Carey.

Eine Zeitlang lebte ich nur für das Album, pendelte zwischen Bett und Studio. Was das Abmischen betrifft, arbeiten sowohl Tom Elmhurst als auch Jimmy Douglass gern bis in die frühen Morgenstunden. Dan Carey hörte immer um Mitternacht auf. Im letzten Augenblick arbeitete Alex Cupper die ganze Nacht durch, um dem gemeinsam mit Andy Cato geschriebenen "You Know Me Better" noch einen leichten House-Touch zu verpassen.

FUSSSPUREN IM MORGENDLICHEN SCHNEE
(Neue Perspektiven)

95% der Songs von "Overpowered" schrieb ich vor Ort, mit meinen Co-Autoren, von denen ich die meisten gar nicht kannte, bevor wir mit der Arbeit begannen. Das war für mich etwas ganz Neues und ich habe viel dabei gelernt. Seiji half mir, den schwierigsten Teil zu bewältigen und mit Songs wie "Overpowered" oder "Footprints" gelang es uns, eine Verbindung zu schaffen zwischen den Songs, mit denen ich mich so intensiv beschäftigt hatte, und dem, was durch eine hoffentlich moderne Herangehensweise möglich war.

Ich habe in meiner Karriere sechs Alben gemacht. Ihren Erfolg oder Misserfolg schätze ich unterschiedlich ein. Heutzutage kann man, glaube ich, direkt zu einer Website gehen und sich die genauen Verkaufszahlen besorgen. Das hat mir Jimmy Douglass gerne gezeigt und mich darauf gebracht, dass "in diesem Informationszeitalter die Leute einen nicht mehr betrügen können". Jimmy machte mich gottesfürchtig. Er holte mich jeden Morgen in Miami ab und fuhr mit mir ins Studio, dabei hörte er eine Mainstream-Radiosendung mit Black Music und analysierte die Songs, er redete auf mich ein und machte mich darauf aufmerksam, wie lächerlich einfach sie alle aufgebaut waren. Er ist ein ganz schön gewiefter Talkmaster und nur selten kommt ein Kompliment über seine Lippen. Als wir "Checking On Me" fertiggestellt hatten, lächelte er und sagte in seinem Südstaatenakzent: "Bei dem Stück hast du dir aber den Arsch abgeschrieben, Ro-sheen."

CAFÉ SOLO
(Zusammenarbeit mit Herbert)

Für mich war "Ruby Blue" ein kleines Wunder. In den Tagen nach dem Konzert von Moloko in der Brixton Academy, dem letzten Konzert nach einem Jahr auf Tour, fuhr ich wieder nach Brixton, um mit Matthew Herbert in den Dairy Studios zu arbeiten. Sein kleines Zimmer war vollgestopft mit Dingen, die für mich aussahen wie NASA-Raumfahrtausrüstungen. Man konnte sich kaum bewegen. Da waren alte BBC-Sound-Equipments, ein wunderschönes französisches Mischpult aus den 60er Jahren, das aussah als sei es aus "2001 - Odyssee im Weltraum", handgemachte russische Mikrophone, jede Menge Instrumente und Objekte, die irgendwie einen besonderen Ton erzeugten. Wir machten die gesamte Platte in diesem Raum: Wir komponierten, machten Aufnahmen (Gesang, Musiker, ganze Bläsersätze, Kleinigkeiten, Dinge, die ich von Zuhause mitgebracht hatte) und wir mischten das Album dort ab.

Matthews musikalischer Geschmack dreht sich vor allem um Energie. Seine Technik ist äußerst geradlinig. Er benutzt Mikrophone und Aufnahmegeräte, um etwas Pures, Organisches oder auch Akustisches aufzunehmen. Matt zog immer die erste Aufnahme vor, er wollte nicht, dass ich die Stücke noch mal und noch mal spielte. Er wollte einen Song schnell aufnehmen und dann gleich den nächsten. Das war lustig und befreiend, wie ein Gegengift zu manchen der bombastischen Experimente von Moloko. Bei all der Aufregung blieb keine Zeit für Selbstzweifel. Hätte ich Zeit gehabt, hätte ich mich vielleicht gefragt, wer ich eigentlich meinte zu sein, einfach mit diesem Typen ein Album aufzunehmen. Ich hatte vorher immer nur gemeinsam mit Mark Brydon Songs geschrieben, und er war mein Freund gewesen. Nie zuvor hatte ich versucht, ohne diese Art von Unterstützung ein Album zu machen. Es fing an mit einem Stück Musik, das auf dem Geräusch basierte, das man hört, wenn man Notizbücher oder Zeitungsartikel zerreißt und auf das Mikrophon schlägt, und ein paar Monate später hatte ich ein Album in Händen.

"Ruby Blue" hat sich zwar noch nicht eimerweise verkauft, aber ich bin dennoch sehr stolz darauf.

TOD DURCH KONZEPTIONELLE MODE
(Die Musik visualisieren)

Scott King ist der Art Director von "Overpowered". Ich habe schon einmal mit ihm zusammengearbeitet. Er war Creative Director bei Sleaze Nation als die Fotografin Elaine Constantine mich bat, für eine Fotostrecke zu modeln, die sie für das Magazin machte. Wir setzten seine Ideen um, es war wie ein kleiner Spielfilm, eine Geschichte über eine Pub-Band in einer Kleinstadt. Schließlich fand ich mich auf dem Titelblatt des Magazins wieder, wie ich von einem haarigen Rocker in der Kabine eines Transit-Kleinbusses gevögelt werde. Meine Mutter war sehr stolz auf mich.

Ich dachte mir, es wäre gut, wenn wir von mir als Performerin ausgehen und zeigte ihm Szenen aus der Moloko-Live-DVD vom Konzert in der Brixton Academy. Das Erste, was er mir zeigte, war Filmmaterial von David Bowies Video "DJ", auf dem er eine Londoner Hauptstraße entlang geht. Scott hatte die Vorstellung von mir als einer Art Straßendiva, die immer und jederzeit ihre ausgeflippten Couture-Klamotten trägt, auch wenn sie nur eben in der Frittenbude um die Ecke Würstchen und Baked Beans essen geht. Oder wie eine Bettelkönigin, die in prächtigen Gewändern fotografiert wird und den größtmöglichen Eindruck hinterlassen will, während sie auf dem Cricklewood Broadway shoppen geht oder auch etwas mitgehen lässt. Für das Single-Cover von "Overpowered" trug ich ein Kleid von Viktor & Rolf, das mit eigener Beleuchtungstakelage ausgestattet ist, die hinten am Rücken befestigt ist. Die Takelage ist aus sehr schwerem Gerüst, ähnlich wie die Aufbauten in Musikclubs. Das Kleid ist an dieser Takelage eingehakt, es ist ein bisschen wie das Segel von einem großen Schiff (super zum Klauen). Es war sehr windig auf der Einkaufsstraße und in den Clogs konnte ich meine Füße überhaupt nicht bewegen, denn um sie hochhackig zu machen, hatte man kleine Holzkeile unten dran genagelt! Ein paar Mal hätte mich eine Windböe fast umgehauen. Gottseidank gab es einen kräftigen Helfer ganz in der Nähe, der mich rechtzeitig festhalten konnte.

LAUNISCHE ZIEGE
(Einen Gang zulegen)

Wenn ich Fotos für ein Albumcover mache (wie auf dem zweiten Album von Moloko) und dabei inmitten eines Sturms auf einem Schweizer Berg stehe und fast schneeblind werde, weil ich versuche, eine Kuh in Ritterrüstung zu melken (ich, nicht die Kuh), frage ich mich schon mal, was das eigentlich alles soll. Aber ich mag das Verrückte daran. Oft ist das Leben so prosaisch, man verbringt viel Zeit an der Bushaltestelle seiner Fantasie und überlegt, was man machen wird, wenn der Nachtbus einen endlich ans Ziel bringt. Ich gebe offen zu, dass ich eine Träumerin bin; ich verschwende viel Zeit darauf, über die Zukunft nachzudenken, die nächste Zusammenarbeit, das nächste Album, die nächste Performance. Jedes kleinste Detail gehe ich dabei durch. Diese ganzen Vorabpläne und die Zielstrebigkeit sind irgendwie reine Ironie, wenn man bedenkt, dass ich mir diesen Weg gar nicht ausgesucht habe - er hat eher mich ausgewählt.

Komisch, wie das alles so zufällig geschah...

Ich begegnete in Sheffield einem Produzenten und brachte ihn zum Lächeln, als ich ihn fragte, wie ihm mein enger Pulli gefalle. Ich war 18 und hatte nur Unsinn im Kopf. Er riss mich glattweg von den Socken, nahm mich einfach mit ins Studio und brachte mir dann alles bei, was ich über das Plattenmachen, Singen und so wissen musste. Schicksal. Wir fanden beide Larry Levans Version von "Seventh Heaven" toll. Es war Liebe. Ist es immer noch.

Das Album "Overpowered" wird am 12. Oktober auf EMI Records veröffentlicht.