03.08.2004

Biografie

RICHARD THOMPSON

Drei Jahre nach dem für einen Grammy nominierten "You?Me?Us?" hat der britische Ausnahmegitarrist und Songschreiber mit "Mock Tudor" ein Konzeptalbum aufgenommen, dessen zwölf Songs alle seine Heimatstadt London zum Thema haben. "Im Speziellen erzählen die Songs Geschichten aus den Londoner Suburbs. Wer als Kind oder Teenager dort aufwächst, lebt in einer Art Wüste, in einer kulturellen Einöde. Alles, was Spaß, Unterhaltung und Abenteuer verspricht, findet im Zentrum der City statt, während man selbst draußen in der tiefsten Provinz festsitzt. Mein Verhältnis zu London kann man am besten als Hass-Liebe bezeichnen. Es gibt Dinge, die ich mag und andere, die ich immer noch hasse", so der Vollblutmusiker, der am 3. April 1949 als Sohn eines Polizisten im Norden der britischen Hauptstadt geboren wurde und schon während der Schulzeit Erwachsene und Mitschüler mit seinen Fingerfertigkeiten auf der Gitarre verblüffte.

"Mock Tudor" ist in drei chronologische Kapitel unterteilt. Die ersten fünf Songs stehen unter dem Titel "Metroland" und umfassen die Zeit von 1953 bis 1968. "Crawl Back Under My Stone" bis "Walking The Long Miles Home" sind zwischen 1969 bis 1974 angesiedelt und mit "Heroes In The Suburbs" überschrieben. "Street Cries and Stage Whispers" ist der Obertitel der letzten drei Songs, die den Schritt in die Gegenwart vollziehen und unter denen die wunderschöne Ballade "Hope You Like The New Me" den Schlußpunkt bildet.

Es wird oft behauptet, daß man sich am besten an einen Ort erinnert, wenn man ganz weit davon entfernt ist. James Joyce etwa schrieb seine Dublin-Saga "Ulysses" im Exil. Auch Richard Thompson weckt seine Erinnerungen an London aus der Ferne, lebt er doch seit 1986 in Los Angeles. "Ich glaube, die Distanz ermöglicht erst eine veränderte Perspektive. Man kann auf einen Ort durch ein umgedrehtes Fernrohr blicken und doch sehr viel analytischer vorgehen, als wenn man mittendrin ist." Das erlaubt auch gewisse Kunstgriffe, die nicht notwendigerweise die ganze Wahrheit wiedergeben. So basiert der bluesige Uptempo-Opener "Cooksferry Queen" zwar auf einem Jazz- und R&B-Pub aus Richards Jugend, aber die Ereignisse, von denen der Song erzählt, fanden in Wirklichkeit an einem anderen Ort statt. "Ich habe sie nach Cooksferry verlegt, weil das einfach besser passte", räumt Thompson ein. "Der Protagonist in 'Cooksferry Queen' war ein Club-Besitzer, ein Gelegenheits-Mafioso mit einem scharfen italienischen Anzug. So ein richtig bedrohlicher Typ, von der Art, der einem die Kniescheiben zerschießt. Ein Jahr später, als wir in seinem Club wieder auftraten, hatte ihn jemand mit Acid bekannt gemacht. Er hatte eine Hippiefreundin, trug lange Haare, einen Kaftan und umarmte jeden Gast, der hereinkam. Der Mann war ein völlig anderer."

Songs wie das berührende "Walking The Long Miles Home" sind dagegen ganz und gar autobiographisch. "In schöner Regelmäßigkeit verpasste ich den letzten Bus. Das gehörte einfach dazu, wenn man abends in der Innenstadt ausging", erzählt Thompson. "Als 16jähriger warst du dann grundsätzlich aufgeschmissen. Ich bin unzählige Male vom Marquee Club oder von Ronnie Scott`s zu Fuß nach Hause gelaufen."

Auf dem Cover findet sich eine Widmung für Nick Drake, Sandy Denny und Lal Waterson "in fortwährendem Andenken". Für einen Mann, dessen Arbeit oft als dunkel und zynisch beschrieben wird, scheint das eine untypisch sentimentale Anwandlung. Richard Thompson dazu: "Während der Arbeit an 'Mock Tudor' kamen diese ganzen Emotionen hoch. Du blickst zurück und denkst unweigerlich an die Menschen, die nicht mehr da sind, oder dir fallen alle möglichen Dinge ein, die sich verändert haben und die unwiederbringlich verloren sind. Ohne jetzt rührselig klingen zu wollen, diese Erinnerungen schmerzen."

So außergewöhnlich wie seine Musik und sein schneidender Humor als Texter verlief auch seine Karriere. Richard Thompson hat Rock-Geschichte geschrieben und Generationen von Musikern beeinflusst. Seit mehr als 30 Jahren sind seine bewegenden Liebeslieder und sein unvergleichliches Gitarrenspiel wichtiger Bestandteil der populären Musik. Er wirkte auf über 50 Alben mit, entweder unter eigenem Namen oder als begehrter Gastmusiker. Zahlreiche seiner Songs finden sich im Repertoire namhafter Künstler wie Elvis Costello, Pointer Sisters, Bonnie Raitt, Shawn Colvin, Evan Dando, Bob Mould und Patty Loveless. Berühmte Kollegen von R.E.M., Bruce Springsteen, Beck und Linda Ronstadt bis David Byrne, Los Lobos und Nanci Griffith werden nicht müde, Thompsons Brillianz in den höchsten Tönen zu loben. In "Limbo", dem letzten Film des Hollywood-Regisseurs John Sayles, kann man gar die Schauspielerin Mary Elizabeth Mastrantonio erleben, wie sie in einer Szene Richard Thompsons "Diming Of The Day" singt.

"As with Van Morrison or Neil Young, perhaps Thompson's only true pop likeness, a listener can believe it was all there from day one," schreibt der bekannte Musikjournalist Greil Marcus in den Liner Notes der Richard Thompson Retrospektive "Watching The Dark". Für den damals 17-jährigen war dieser Day One der Tag, als er zusammen mit Ashley Hutchings und Simon Nichol die legendären Fairport Convention gründete, zu der kurze Zeit später Sandy Denny und Ian Matthews hinzustießen. Mit der Verknüpftung irischer, walisischer, englischer und schottischer Volksmusik mit expressivem gitarrenorientierten Rock etablierten Fairport Convention ein neues Genre: Folkrock. Nach fünf Alben, darunter die Klassiker "Liege & Lief" (1969) und "Full House" (1970) verließ Thompson 1971 die Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität und Popularität, vertiefte sich in die traditionelle englische Musik und startete mit "Henry The Human Fly" seine Solokarriere. Ein Jahr später heiratete er die Sängerin Linda Peters. Als Richard und Linda Thompson veröffentlichte das Paar bis zur Scheidung 1982 ein halbes Dutzend von der Kritik hochgelobte Alben. Der Rolling Stone etwa listete Mitte der 80er "I Want To See The Bright Lights Tonight" (1974) und "Shoot Out The Lights" (1982) unter die besten 100 Platten aller Zeiten.

Wieder auf Solopfaden gewann Richard Thompson als Musiker deutlich an härteren Konturen und setzte als Songwriter auf seinen Alben neue Akzente. Was sich auf "Hand Of Kindness" (1983) und "Across A Crowded Room" (1985) noch milde andeutete, schlug sich spätestens nach seinem Umzug nach Los Angeles in Werken wie "Daring Adventures" (1986), "Amnesia" (1988), "Mirror Blue" (1994) und dem für einen Grammy nominierten "Rumour And Sight" (1991) verstärkt nieder: der amerikanische Einfluss. Ohne seine musikalischen Grundsätze aufzugeben, klangen seine Songs jetzt rockiger und aggressiver als früher. Erst auf seinem letzten Doppel-Album "You?Me?Us?" kehrte er zumindest auf einer der beiden CDs mit puren akustischen Arrangements zu seinen genuin britischen Folk-Roots zurück.

Wie auf allen seinen Alben schlägt Richard Thompson auch auf "Mock Tudor" eine Brücke zwischen Folk und Rock. Die stilistischen Grenzen zwischen melancholischen Akustik-Balladen und Songs mit rockigem Einschlag sind immer fließend, sein Gitarrenspiel superb und wandlungsfähig wie eh und je und die Verquickung von modernen und traditionellen Instrumenten völlig selbstverständlich und homogen. "Seit Ende der 60er Jahre spiele ich die Musikstile, die ich mag", erklärt Thompson. "Meine beiden Lieblingsmusiken sind nun mal Rock`n´Roll und traditionelle Musik. Mir macht es einfach Spaß, die beiden gleichzeitig zu spielen, anstatt nacheinander, daraus also einen einzigen Stil zu machen. Dann kannst du andere Sachen mit einfließen lassen, ein bisschen Jazz, Blues, Country oder auch Ideen aus der klassischen Musik oder etwas ganz Neues und die mit in den Topf reinwerfen."

Einen neuen Weg beschreitet Thompson dagegen bei der Auswahl der Produzenten. Nachdem er über eine Dekade lang, von "Daring Adventures" bis "You?Me?Us", mit dem Produzenten und Keyboarder Mitchell Froom zusammengearbeitet hatte, heißen seine neuen Mitstreiter nun Tom Rothrock und Rob Schnapf, die durch ihre Arbeiten mit Elliot Smith, Foo Fighters und Beck bekannt sind. "Ich mag das Elliot Smith Album und auch die Sachen der Foo Fighters", bekennt Thompson. "Als ich mich zum ersten Mal mit Tom und Rob traf, merkten wir sofort, dass wir auf einer Wellenlänge lagen. Außerdem fand ich Idee gut, mit zwei Produzenten zu arbeiten, denn wenn ich irgendwann den Punkt erreicht hätte, wo ich einen von beiden nicht mehr hätte leiden können, wäre wenigstens noch einer zum Reden da gewesen."

Mit den neuen Produzenten und den vertrauten Musikerfreunden Danny Thompson (ex-Pentangle) und Dave Mattacks (Fairport Convention) ist ihm mit "Mock Tudor" ein beeindruckendes Panorama von Großbritanniens Hauptstadt des letzten halben Jahrhunderts gelungen. Aber egal wie weit Richard Thompson in seinem Leben auch gereist sein mag, "Mock Tudor" dokumentiert nachdrücklich, dass die Londoner Vororte seiner Jugend noch immer ein Teil von ihm sind. Das teilt er mit David Bowie, der in Beckenham aufwuchs und über den geschrieben wurde: "You can take the boy out of the suburbs, but you can`t take the suburbs out of the boy".

JULI 1999