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06.11.2007
Bio Final
MARTIN GALLOP
Strange Place Called Home
Martin Gallop lediglich Talent zu attestieren, käme einer Verniedlichung gleich. Schließlich ist Talent eine Variable, nach deren Entdecken inzwischen auch im wenig prätentiösen Singer-Songwriter-Genre viel zu inflationär "Heureka!" gerufen wird. Martin Gallops Songs resultieren aus Musikbesessenheit, Erfahrungen, Versuchungen, Scheitern, Gewinnen und dem Drang, dem ganzen einen Sinn zu geben. Kunst kommt bei ihm von Können und Müssen, nicht von Wollen. Seine Songs hinterlassen alles Andere als nur einen oberflächlichen Eindruck, obwohl sie unmittelbar gefangen nehmen. Die Eindringlichkeit, die in keiner Note aufdringlich wirkt, macht den Roots-Pop seines Major-Debüts "Strange Place Called Home" zum Solitär. Seine Musik ist das Destillat einer lebenslangen Suche nach Verbundenheit, Verständigung und Veränderung. Ein Manifest des Ausleuchtens von Licht und Schatten, ein künstlerisches Statement, das unangestrengt majestätisch, eine echte Alternative zum handelsüblichen Singer-Songwriter-Duktus darstellt. Vergessen wir für einen Moment die Brechstangen-Emotionalität moderner Charts-Sensualisten. Lassen wir uns lieber eine dreiviertel Stunde lang auf die Erzählkunst von Martin Gallop ein, in der verblasster Glanz und wahrhaftige Schönheit, Scham und Schande, Himmel und Hölle, Tag und Nacht in eingängige und trotzdem komplexe Melodiebögen gebettet werden.
1962 in Toronto geboren, verbrachte Martin Gallop seine Kindheit im 90 Meilen entfernten, nordkanadischen Kaff Peterborough. 1970 tauschte der musikhungrige Youngster seine erste eigene Platte, eine K-Tel-Compilation gegen den gerade erschienenen Schwanengesang der Beatles, "Abbey Road", ein. Vier Jahre später verfasste er seinen bislang ersten und einzigen schmalz triefenden Herzschmerz-Song. Mindy hatte ihn verlassen. Mehr Songs folgten, als seine erste große Liebe ein paar Wochen später mit einem bärtigen 17-Jährigen abrauschte. 1982 tingelte Gallop mit einem Freund als Akustikgitarren-Duo durch Clubs und Bars der amerikanischen und kanadischen Westküste, lernte dort einen scheinbar erleuchteten, bärtigen Guru-Nivellisten aus Oldenburg kennen und folgte ihm 1983 nach Deutschland. "Als ich ihn wieder sah, traf ich einen Typen, der überraschenderweise vorübergehend seine Erleuchtung gegen Liebeskummer eingetauscht hatte. Seine Geschichte kam mir irgendwie bekannt vor, wenngleich auch diesmal der Bärtige der Loser war", lacht Gallop. Nach jahrelangem Touren als Licht- und Tontechniker mit einer europäischen Poptheater-Gruppe, zeugte Gallop mit seiner deutschen Freundin eine Tochter, die 1991 zur Welt kam. Nach zwei Indie-Alben mit seiner Band Bogus Brothers, gewann Gallop 2000 den kanadischen Songwriting-Contest und nahm mit dem Preisgeld sein erstes Soloalbum "How Much Is The World?" auf, das 2002 beim kleinen Berliner ulftone-Label erschien. Als das Geld 2005 nach ewigem Reisen zwischen Oldenburg, Kanada und Berlin knapp wurde, modelte Gallop, gab Englischunterricht und begann mit der Arbeit an seinem neuen Album "Strange Place Called Home". Soweit so ungewöhnlich.
Seine Gegenwart offenbart der Weltreisende mit dem Entdeckerdrang in den zwölf Songs seines ersten Major-Albums. Das wirkt beim ersten Hören wie einer jener seltenen Momente, in dem man mit einer Person ins Gespräch kommt, die einem ihr ganzes Leben schildert, der man selbst alles erzählen kann und mit der man eine Intimität schaffen kann, gerade weil man sich fremd ist. Es sind flüchtige, aber intensive Momente, die Martin Gallop kreiert. Mit Texten, die das alltägliche emotionale Chaos spiegeln, die Seele streicheln und peitschen, Körper und Geist revitalisieren. Mit Musik, die trotz des Indie-Habitus ihres Verfassers, nicht stur nach größtmöglicher Authentizität heischt, sondern mitunter augenzwinkernd Klischees aufgreift, mit ihnen spielt und am Ende dann doch keinem Vergleich standhält.
Seine Pop-Sensibilität hat Gallop nie geleugnet. Seine Liebe zur dunkel gefärbten nordamerikanischen Roots-Musik ist evident, wenn in "Dear Doreen" der Pedal-Steel-Guitar flehende Töne entlockt werden. Das "Mannequin" stolziert im leichtfüßigen Country-Vierviertel-Takt, wird vom Banjo persifliert, während der Gesang auf eine englische Folksong-Route lockt. "Poison Of Choice" ist mit seinen schrägen Mundharmonika-Tupfern eine charmant-linkisch-coole Bob Dylan-Huldigung. Der implizierte Anachronismus wird durch modernes Songwriter-Verständnis aufgehoben, das dank wohlig-warmer Analog-Soundvorliebe wie eine vorausschauende Verbeugung vor der Vergangenheit klingt. Das ist kein Zwiespalt, sondern für Martin Gallop gelebte Realität. Der Titelsong "Strange Place Called Home" bringt das zentrale Thema seines Lebens auf den Punkt. "Ich fühle mich nirgendwo richtig zuhause. Mein jeweiliges temporäres Zuhause hat in meinen Augen immer etwas Befremdendes. Man sucht sein ganzes Leben lang nach Verständnis und Geborgenheit, aber wenn man sich der vermeintlichen Idylle einmal hingegeben hat, schlägt sie schnell wieder zurück, weil einem die vertrauten Personen plötzlich total fremd erscheinen können. Für mich war das Weiterziehen, die Suche nach der ultimativen Geborgenheit bislang Lebensmotto und Antriebskraft. Wenngleich auch mitunter keine freiwillige, denn der ständige Ortswechsel hat nicht immer nur angenehme Seiten. Als Inspirationsquelle für Songs ist er allerdings ein unerschöpflicher Fundus", erzählt Gallop. Das Video zum Titelsong zeigt die letzten Bilder seiner Mutter, die Martin nur wenige Tage vor deren Tod in Kanada aufzeichnete. "Das war einer der Momente, in denen offensichtlich war, dass Kunst nur dann entstehen kann, wenn dich deine Intuition dazu bringt, bestimmte Dinge zu tun. Wie beispielsweise dieses Video zu drehen. Als Musiker zwanghaft kreativ sein zu wollen, führt nicht zu brauchbaren Resultaten." Dieser Haltung folgt "Strange Place Called Home" vom ersten bis zum letzten Ton.
Als Kanadier, der mehr als die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht hat, ist Martin Gallop das Kunststück gelungen, seine musikalischen Wurzeln offen zu legen und gleichzeitig wieder mit europäischem Blickwinkel zu verfremden. Das liest sich in der Tat strange. Aber schon das erste Hören von "Strange Place Called Home" bekräftigt die Vermutung, dass er sein musikalisches Zuhause, seinen höchst individuellen Ausdruck gefunden hat. Mit 45 und Dreitagebart. Die Musik ist karg inszeniert, ohne auch nur in einer einzigen Phrasierung unemotional zu sein. Sie besitzt düstere Romantik, ohne den Verdacht der Romantisierung zuzulassen. Sie ist ein Widerspruch. Allerdings ein Delikater.
Michael Loesl
Oktober 2007
