23.06.2009

Biografie: Kings&Queens (2009)


"Mein zweites Album habe ich ausgelassen und stattdessen lieber gleich das dritte aufgenommen."

Was Formeln zur Vermeidung des Zweites-Album-Syndroms angeht, könnte sich Jamie Ts Lösung als durchaus populär erweisen. Denn sein zweites Album Kings & Queens klingt wie das Werk eines Veteranen, der sich eher um die Welt, die ihn umgibt, denn um seine Karriere Gedanken macht. Und das gleichzeitig vibriert vor jugendlicher Energie und Lebendigkeit. Außerdem präsentiert es gleich in mehreren Songs Jamie T, den talentierten Sänger. Coole Sache.

Den Nachfolger zu seinem für einen Mercury Award nominierten, mit Gold ausgezeichneten und allseits beliebten Debütalbum Panic Prevention (2007) zu schreiben, war keineswegs so einfach, wie es heute den Anschein hat. Jamie Treays aus Wimbledon war noch ein Teenager, der bei seinen Eltern lebte, als er den Großteil von Panic Prevention schrieb und aufnahm; war immer noch erst zwanzig, als Sheila, seine Debütsingle bei Virgin, zur Hymne für die verlorene Jugend der Post-Jahrtausendwende wurde; zählte gerade einmal einundzwanzig Lenze, als Panic Prevention mit seinem Mix aus Lo-Fi-Nummern, urbanen Beats, an Troubadoure erinnernde Folkmusik und einer Lawine grausamer, witziger, schmutziger und teuflisch cleverer Texte die Kritiker dazu brachte, Jamie mit allen möglichen Künstlern, von Mike Skinner bis Bob Dylan, zu vergleichen und seine erste Top 10-Single Calm Down Dearest Menschen im ganzen Land in ihr Bier heulen ließ. Jamie mag in Punkbands gespielt und bereits in frühen Teenagerjahren seine eigenwillige Mischung aus schwarzem und weißem Pop in seinem Schlafzimmer-Studio zelebriert haben. Dennoch durchlief er innerhalb weniger Monate die Wandlung vom Underground-Blog-Fave zum Mainstream-Star. Jeder junge Mann, selbst wenn er so relaxt und vom Ruhm unbeeindruckt bleibt wie Jamie, dürfte es problematisch finden, mit den daraus resultierenden Erwartungen umzugehen.

Die Geschichte beginnt Anfang 2008. Nachdem er 18 Monate lang mit dem Panic Prevention-Material um die Welt getourt war, fühlte Jamie sich ausgebrannt: "Und das ist noch geschmeichelt." Er schneidet eine Grimasse. "Ich fühlte mich wie ein Vietnam-Veteran. Aber wenn du nach Hause kommst, gibt es keine Konfettiparade." Also gönnte Treays sich einen Monat Pause und beschloss, in absehbarer Zeit nicht wieder aufzutreten. "In meinen Augen war Panic Prevention ausgelutscht. Ich konnte es vor mir nicht mehr rechtfertigen, meinen Fans immer wieder dieselben zwölf Songs vorzuspielen. Dreimal hatten sie mich dasselbe Set spielen sehen. Das war ihnen gegenüber nicht fair."

Also bekam er in seinem neuen Heim, nur einen Steinwurf vom Haus seiner Eltern in Wimbledon entfernt, sein Leben in den Griff. "Ich tat genau das, was mein Vater mir geraten hatte - hob Geld ab, kaufte mir ein Haus. Plötzlich lief alles in geregelten Bahnen. Ich hatte Wurzeln geschlagen. Dann dachte ich: ‚Scheiße! Ich bin gerade mal 23! Jetzt fehlen nur noch ein paar Kinder, und ich bin erledigt!'"

Jamie hatte unterwegs an Songs gearbeitet, in Stücken auf seinem Handy aufgenommen, einschließlich des eindringlichen Jilly Armeen vom neuen Album. "Ich durchlief eine Akustikphase. Im Grunde ... entdeckte ich Bob Dylan. Das hat mein Leben für eine Weile ruiniert."

Anders als die meisten Popstars spielt Jamie T nicht das ‚Alle Ideen stammen ganz allein von mir"-Spiel, sondern spricht sehr offen über den direkten Einfluss anderer Musiker auf seine neuen Stücke. "Ich werde ständig durch Musik, die ich höre, inspiriert. Und ich finde es richtig, den Hut vor jemandem zu ziehen, der mich inspiriert hat. Das mag kitschig klingen, aber zunächst einmal liebe ich Musik. Ich sehe mich eher als Fan denn als Mitglied einer Geheimgesellschaft, die bei Konzerten an der Tür zum Backstage-Bereich abhängt. Ich hasse es, wenn Leute so tun als ob sie niemals die Musik von einem Künstler gehört hätten, nach dem sie ganz offenkundig klingen."
Was diese für sein Leben so ruinöse Periode angeht, so war nicht allein Dylan schuld. Der Junge, dessen musikalische Diät unseres Wissens bis dahin ausschließlich aus wild-urbanem Brit-Punk, HipHop, Jungle und Billy Bragg bestanden hatte, entwickelte plötzlich großes Interesse an Joanna Newsom, Ryan Adams, Bright Eyes und einer ganzen Reihe ländlicher Amerikana. "Also schrieb ich ein paar Songs in diesem Stil, aber im Grunde klang das Ergebnis ziemlich trauervoll. Und wenn du einen Haufen trübseliger Nummern geschrieben hast, wandelst du auf dem schmalen Grat zwischen wirklich bewegend und ‚Halt einfach die Klappe, Mann'. Ehrlich gesagt war es reichlich öde. Aber ich hatte noch nie wirklich eine akustische Gitarre in der Hand gehalten, deshalb ging es eher darum zu lernen, wie man das macht. Und dann wurde ich glücklicherweise wieder munterer."

Einige von Jamies folkigeren Werken stellen seine musikalische Weiterentwicklung unter Beweis, werfen Licht und Schatten auf Kings & Queens, zum Beispiel Emily's Heart, Jilly Armeen, Spider's Web sowie die überraschende Präsenz einer Ukulele. "Das hat mich ehrlich gesagt wirklich genervt. Ben schleppte sie ständig mit ins Studio, und ich bat ihn, sie zu Hause zu lassen, weil ich kleine Gitarren und die Leute, die sie spielen, hasse. Das war für mich eine Art Mode-Statement ... Im Moment spielen so viele Musiker kleine Gitarren, um exzentrisch zu wirken. Das geht mir wirklich auf den Keks. Bis ich sie eines Tages in die Hand nahm. Und darauf spielte. Klang ganz gut. Kam aufs Album. Aber ich gelobe, sie niemals auf der Bühne zu spielen."

Die nächste Phase musikalischer Inspiration kam aus dem Punk ... allerdings nicht der britischen Variante. Jamie stand schon immer auf US-Hardcore und beschloss, dieses Mal darin zu schwelgen. Bad Brains und D.F.L. katapultierten ihn aus seiner introspektiven Stimmung heraus. Er hat ein paar Hardcore-inspirierte Nummern geschrieben, die er auf zukünftigen EPs veröffentlichen will, und sein Eintauchen in den Hardcore lieferte die Inspiration zu Fire Fire, dem manischen Punk-Rap-Tune nebst dazugehörigem Video, der Ende 2008 entstand. Für das Album allerdings fühlte sich diese Richtung falsch an.

Letztendlich besann Jamie sich auf das Wesentliche: Tat sich mit seinem Freund und Produktionspartner Ben Bones zusammen, arbeitete hart und spielte hart, tat das, was er am besten kann und vertraute auf seinen Instinkt und seine zunehmende Reife. "Ein zweites Album zu machen, ist aus verständlichen Gründen schwierig. Wenn man sein erstes aufnimmt, beschließt jeder, dass du diese zwölf Tracks BIST, und dass sie alles sind, was du kannst. Da kommen einem natürlich Gedanken wie ‚Denen werde ich es zeigen! Ich kann auch ganz anders!' Was ebenfalls kompletter Blödsinn ist. Man muss einfach weitermachen, dann kommt die Entwicklung schon von ganz allein."
Alle Instrumente auf Kings & Queens - bis auf einen Gitarrenpart in Emily's Heart und den Kontrabass in Man's Machine, das obendrein von Stephen Street produziert wurde - haben Jamie und Ben Bones eingespielt. Treays kümmerte sich persönlich um Drums, Bass, Gitarre, Ukulele und Piano. Aufgenommen wurde in einer Reihe von Londoner Studios, darunter Jamies bewährtes Schlafzimmer und das Moloko in Hoxton.

"Wir verbrachten anderthalb Monate im Moloko, und das war eine ganz besondere Zeit im letzten Sommer. Nachdem wir diese tolle Bar entdeckt hatten, kamen wir zur Arbeit, gingen in die Bar, tranken einen doppelten Wodka mit Limette und Soda und marschierten ins Studio, um Musik zu schreiben. Irgendwann mussten wir umziehen, weil das Studio weniger wichtig als die Bar geworden war."

Langsam aber sicher und mit der perfektionistischen Einstellung des ersten Albums in Kombination mit Experimentierfreude und viel Spaß entstand Kings & Queens. "Unser Arbeitsstil trieb Virgin in den Wahnsinn. Sie wollten etwas hören, und ich schickte ihnen fünfzig Tracks, von denen die Hälfte zehn Sekunden lang war. Damit konnten sie natürlich wenig anfangen, und ich sagte: ‚Was? Ihr kapiert das nicht?' Die Art, wie Ben und ich arbeiten, ist von außen praktisch unmöglich zu verstehen."
Eins der nostalgischsten Dinge an Kings & Queens ist der größere Schwerpunkt auf Gitarren im Rock-, Punk- und Folk-Kontext. Viele der HipHop-Einflüsse und urbanen Elemente, die Panic Prevention durchzogen, fehlen. "Ich hatte einfach die Nase voll davon, Reime zu schreiben. Ich wollte Songs."
Außerdem hat Kings & Queens kein Konzept oder zentrales Thema.
"Obwohl es ursprünglich eins gab", erinnert sich der widersprüchliche junge Bengel. "Aber es wanderte in die Tonne. Es sollte um Schlosssäle gehen, und Hofsänger und Troubadoure. Später ging es mir allerdings auf die Nerven, weil es mich einengte. Das Thema taucht in Hocus Pocus auf, aber nirgendwo sonst. Dieses Album geht in alle möglichen Richtungen."

Er akzeptiert gern die Feststellung, dass vieles auf diesem Album von The Clash inspiriert wurde. Jamie hat nie ein Geheimnis aus seiner Liebe zu den Wunderkindern vom Westway oder der Tatsache gemacht, dass seine bevorzugten Clash-Alben Sandinista! und Combat Rock sind, mit denen der Tod des Punk, der Aufschwung rechter Politik und die unvermeidliche Trennung der Band ihren Anfang nahmen und ihr Rebel Rock-Trotz von einer resignierten, elegischen Traurigkeit unterwandert wurde ... und die Musik der Clash zum ersten Mal eine Form tragischer Schönheit annahm. "Wer würde nicht gern einen Song wie The Clash schreiben? Neulich hörte ich Sean Flynn von Combat Rock, eine schrecklich traurige Nummer. Gegen Ende wird der Text ziemlich deprimierend, aber auf eine wunderschöne, wehmütige Art. Das war ein definitiver Einfluss für mich. Was soll ich sagen? Ich gehe weiter in Plattenläden, um frische, neue, bahnbrechende Musik zu kaufen ... und komme mit Jam- und Specials-Singles wieder heraus. Sachen, die ich längst besitze. Das finde ich ganz schön ätzend. Ha!"

So bleibt die Seelenverwandtschaft zu den großen britischen Boy Bands der Post-Punk-Ära weiterhin prägend. Der Behauptung, Kings & Queens sei reifer und radiofreundlicher als Panic Prevention, kann er allerdings nicht uneingeschränkt zustimmen.

"Reifer? Ja. Radiofreundlich? Vielleicht. Keine Ahnung ... jemand hat mir neulich gesagt, dass mein neues Material sauberer klingt. Ich sagte: ‚Hör zu ... ich habe mein Album mit meinem besten Kumpel in einem Schuppen aufgenommen. Also erzähl mir nicht, dass meine Musik geschliffener klingt'."

Allerdings kreischt dieses Mal niemand "FUCKING CROISSANT!". "Nein. Wenn ich Skits in dieses Album aufgenommen hätte, würde man das auf jedem meiner Alben erwarten. Also habe ich mich dagegen entschieden. Dieses Mal besteht es einfach aus einer Reihe von Songs."

Und was für Songs! In erster Linie kurz, präzise und ausdrucksstark. Gelegentlich langsam, verträumt und getrieben. Immer noch mit dem Beigeschmack der Londoner Straßen und chaotischer Zeiten, allerdings weniger feierlich, problembelasteter und zunehmend poetisch, sich plötzlich von den schrillen Fakten des Lebens in kulturelle Comedy flüchtend und - unvermeidlich - in surreale nächtliche Bilder. Häufig klingt das Ergebnis wie die Verbindung zwischen der Dunkelheit und Brutalität auf den Straßen der frühen 1980er und den offensichtlichen Ähnlichkeiten zur angespannten, rezessionsgebeutelten Gegenwart, in der sich eine Generation von Kids, die in der Erwartung von Überfluss und Geld aufgewachsen ist, stattdessen dank der Fehler entfernter, anonymer Finanzinstitute in der Arbeitslosigkeit wiederfindet. Dabei wirkt es wohlgemerkt keineswegs so direkt oder gar langweilig wie Protest-Rock, sondern liefert schlicht und einfach Schnappschüsse eines gestressten jungen Englands, präsentiert von einem frühreifen jungen Talent, das sich schnell zu einem scharfsinnigen, souveränen Künstler entwickelt hat.

Kings & Queens ist genau das Album, auf das Jamie Ts Bewunderer gehofft hatten ... mit der Rinnsteinpoesie, der Wut und dem Humor seines Debüts. Aber taffer, fokussierter, selbstbewusster ... und mit sogar noch besseren Melodien. Jamie ist glücklich über seine Arbeit und gibt sich typisch trotzig und selbstironisch in seinen Ambitionen für seine jüngste Veröffentlichung. "Panic Prevention habe ich vor vier Jahren aufgenommen. Es wäre traurig, wenn diese Platte nicht anders klingen würde. Dieses Album entstand in einem Prozess von Aussetzern, dann Selbstbewusstsein, und dann einfach ... Durchziehen. Wenn Kings & Queens eins erreicht hat, dann dass es die Leute dazu zwingt, mich in Ruhe meine Arbeit tun zu lassen. Und zu akzeptieren, dass ich nicht immer wieder dasselbe machen werde. Es gibt Künstler, von denen genau das erwartet wird, und ich möchte mir das Recht verdienen, zu diesen Künstlern zu zählen."