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27.07.2009
Biografie: Juli 2009
MPHO - "Pop Art"
In Großbritannien wird MPHO bereits in einem Atemzug mit anderen jungen schwarzen respektive gemischtfarbigen Künstlerinnen wie Santigold und Ebony Bones genannt, deren Erfolg auf ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein beruht, mit dem sie sich so locker über Erwartungshaltungen hinwegsetzen wie über Genregrenzen. Eine neue Garde aus dem kulturellen Schmelztiegel London, bei der man endlich wieder das Unerwartete erwarten darf - die aus dem Patchwork der Popgeschichte etwas Neues kreiert. Schon der Albumtitel von MPHO (sprich: "Mmm-Poh") legt Abwechslung, Farbenfreude und Zitatenschatz nahe. "Pop Art" ist das Werk einer Sängerin, Komponistin und Produzentin, für die Charakter aber ebenso wichtig ist wie Kunst und deren schillernde Künstlichkeit. MPHO will den Zuhörern eine eindeutige Idee davon vermitteln, wer sie ist und worum es ihr geht. Engagement und Entertainment gehen hier Hand in Hand.
MPHOs Debütalbum bietet schon rein musikalisch alles, was das Herz begehrt: von aufregend sommerlichem Electropop mit schwelgerischen Melodien ("Paranoid Type") und euphorisierendem Hi-Energy-Dance mit einem so eingängigen Refrain, dass man ihn sicher bald landauf landab hören wird ("Fix Ya Face"), über nachdenkliche, reich orchestrierte Balladen, bei denen einem sofort ein verregneter Tag einfällt, an dem nichts mehr schlimmer werden kann ("Man Who Got Away"), bis hin zu unprätentiösen, lustvollen Anleihen an die 80er Jahre ("Box n Locks"). Das Album ist geprägt von einer eklektischen Ästhetik à la OutKast, der instinktiven und bravourösen Risikofreude eines Prince, dem Glitter und Tand von TLC und dem unvoreingenommenen, alle möglichen musikalischen Einflüsse mit offenen Armen willkommen heißenden Ansatz von De La Souls "3 Feet High and Rising", und doch wird hier Pop stets ganz groß geschrieben. Wollte man es klassifizieren, so müsste man Begriffe wie post-modern Dance, post-urban Funk oder New School Soul benutzen, aber MPHO selbst hat schon den perfekten Namen geprägt: Pop Art - Popmusik mit Raffinesse, Keckheit und Scharfsinn.
MPHO hat bereits reichlich Erfahrung als Sessionsängerin und Musiklehrerin gesammelt; nebenher malt sie, schreibt Gedichte, und trägt sich mit dem Gedanken, sich auch als Möbeldesignerin zu versuchen. Sie wurde in Südafrika in eine Mischehe geboren, als das Land noch von der Apartheid bestimmt wurde. Die künstlerisch begeisterte Familie - Musiker und politisch-soziale Aktivisten zugleich - zog in den Süden Londons, wo MPHO aufwuchs. Auf ihrer künstlerischen Agenda stehen Engagements als Backgroundsängerin für Ms Dynamite und Natasha Bedingfield, die ihr viel Vertrauen entgegenbrachten, sowie als Mentor und Meinungsinstanz für Adele, bevor diese berühmt wurde. Die Biographie der Künstlerin, die auch schon mit Bugz In The Attic und Coldcut arbeitete, ist ebenso vielseitig wie ihre Musik, doch stets dominierte der Wille MPHOs, ihren eigenen Platz zu finden und sich ihren eigenen Maßstäben gemäß zu definieren.
Dementsprechend hat sie gleich mit der ersten Single auf Wall of Sound/Parlophone Records die Gelegenheit genutzt, einige der Stereotypen ad absurdum zu führen, durch die sie sich schon immer eingeengt gefühlt hat. Ihre Debütsingle "Box n Locks" handelt von einigen der frustrierenden Vorurteile, denen sie gegenüber stand, als man rein auf der Basis ihrer Herkunft und ihres Aussehens bestimmen wollte, wovon ihre Songs handeln sollten. Vor dem Hintergrund eines Tracks, den Produzent Switch (M.I.A., Santigold) durch Samples der legendären Gitarren-Hookline von Martha and the Muffins' New-Wave-Hit "Echo Beach" schuf, nagelt MPHO die Schuladen, in die man sie stecken wollte, einfach zu. "Ich denke, dieser Song vereint all die diversen Erfahrungen, die ich im Laufe vieler Jahre machen musste, und die ich mir nie so richtig bewusst gemacht hatte. Ich habe mein ganzes Leben lang Auseinandersetzungen mit Gemeinschaften, Kulturen und Cliquen gehabt, nie war ich irgendwo zugehörig. Ich interessierte mich für Bashment, R&B und HipHop, aber manchen Leuten war meine Hautfarbe zu hell und sie waren eifersüchtig, oder sie fanden, ich gehörte deswegen nicht genug zum 'Mutterland' Afrika. Bei manchen Leuten habe ich gedacht 'Moment mal, Du kommst aus England, ich wurde in Südafrika geboren, also was willst Du eigentlich? Was fällt Dir eigentlich ein?' Manchmal habe ich bei Freunden The Jam und The Clash gehört, und dann hatte ich das Gefühl, dass auch das ein Teil von mir ist, obwohl Punkrock offiziell nur etwas für Weiße war. Ich denke, ich bin an einen Punkt gelangt, wo es mir einfach gereicht hat und dieser [‚Echo Beach'] Sample hat jene Seite meiner Persönlichkeit hervorgelockt, die ich jahrelang nicht hatte sein dürfen. In gewisser Weise verrät 'Box n Locks' viel über meinen Charakter. Und der Song war ein Wendepunkt, plötzlich wurde mir klar, welche Richtung ich mit meinem Album einschlagen wollte."
Musik war in ihrem Leben schon immer präsent, denn sowohl ihr natürlicher Vater als auch ihr Stiefvater sind professionelle Musiker. "Ich bin sehr gerne im Studio und komponiere, aber ebenso gerne spiele ich live", verrät sie. Zunächst spielte sie auf Schulfesten Theater und Musik, und ihre Auftritte waren so feurig, dass ihre Klassenkameraden sie sogar um Autogramme baten. Doch dann wechselte MPHO auf die Brits School in Croydon und stellte fest, dass sie hier nur eine musische Begabung unter vielen war. "Die Schüler da denken, sie wären auf der Talentschmiede von dem Kinofilm Fame" lacht sie. "Ich fühlte mich dort immer fehl am Platz und war nicht sehr motiviert."
MPHOs Kompositionen haben eine Resonanz und Tiefe, die sie von vielen anderen Popkünstlern ihrer Generation absetzt. Sie ist mit HipHop groß geworden und es ist die für Rapper typische Sprachverliebtheit, die ihren Songtexten den charakteristischen Biss gibt. "All Change" spielt mit der Metapher einer Zugreise, um einerseits zu versinnbildlichen, wie man sich einer Beziehung annimmt und dann, auf einer höheren Ebene, wie man überhaupt sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. In anderen Songs beschäftigt sie sich mit Themen, die vielleicht in den bekenntnisreichen Rock- oder Soulkreisen hinlänglich bekannt sein mögen, aber selten von Künstlern verbalisiert werden, die es sich in den Kopf gesetzt haben, Popstars werden zu wollen. "S.P.A.C.E. Man" etwa bezieht sich auf eine Beziehung, die scheiterte, weil ihr Partner drogenabhängig wurde. "Das ist ein grauenhaftes Leben", sagt sie, "aber mein Standpunkt ist nicht der eines Moralapostels, der keine praktische Erfahrung hat."
Manchmal reicht ein Wort oder eine Redewendung, um sie zu einem Songtext zu inspirieren. "'Fix your face' sagt man zum Beispiel in der Karibik wenn jemand traurig oder niedergeschmettert ist. Das heißt soviel wie, 'Mach nicht so ein Gesicht, was ist los mit dir?'" Und doch gelingt es MPHO mit "Fix Ya Face" nicht nur, eine neue Redewendung in der englischen Sprache zu etablieren - hinter dem sommerlich-luftigen Begriff verbirgt sich ein ernsthaftes Anliegen: "Wenn man sich in Brixton umschaut, sieht man viele Leute, die grimmig dreinschauen. Ich laufe an ihnen vorbei und versuche, mir nicht die Laune verderben zu lassen, positiv zu bleiben. Ich denke mir dann, 'Weißt du was? Ich könnte genauso wie du das Gesicht verziehen, aber du machst mir keine Angst, du bist kein bisschen anders als ich. Ich könnte so sein wie du, aber ich kämpfe dagegen an. Und das könntest du selbst auch machen - und dann wäre das Leben für alle etwas angenehmer.' Darum geht es in dem Song mehr oder weniger." Selbst wenn sie etwas kecker wird, wie in "Hips Go Pop", einem von drei Songs, die das Duo Alan Nglish and Anonymous produziert hat, enthalten ihre Texte den gewissen Stachel, der uns einmal mehr beweist, dass mehr hinter MPHO steckt als eingängige und anregende Melodien und Sounds. "Es stimmt nicht, was die Medien behaupten: dass gewisse Äußerlichkeiten, etwa sich sexy zu bewegen, der Schlüssel sind, um Aufmerksamkeit zu erregen." Die Künstlerin lacht: "Was vielmehr funktioniert sind Frauen, die selbstbewusst sind und sich deswegen sexy fühlen - das spüren die Leute. Aber wenn man sich nicht gut genug fühlt, nur weil man keine Size Zero Figur hat, ist niemandem geholfen."
"Pop Art" ist mehr als ein musikalisch außergewöhnliches Album; das Bemerkenswerteste daran ist die Art und Weise, wie MPHO auf einzigartige, unnachahmliche Weise ihre Erfahrungen und Meinungen einbringt. "Es ist schon erstaunlich, wie stark meine Musik von meinen politischen Überzeugungen und dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, geprägt ist. Ich bin schwarz - und ich bin weiß, sowohl von einem kulturellen Standpunkt aus als auch in meinem Blut. Ich bin beides, also warum sollte ich das nicht ausleben? So bin ich - und so ist meine Musik."
Juli 2009
Album "Pop Art" 19.10.2009 50999 9 64335 2 2

