11.07.2006

Biografie: Die Dreigroschenoper


SLUT
Die kleine Dreigroschenoper
VÖ: 14. Juli 2006

Richtig. Das Ingolstädter Indie-Konglomerat SLUT interpretiert die bekanntesten Lieder des Komponisten Kurt Weill aus dem wohl bekanntesten Theaterstück Bertolt Brechts neu. Wer nun ein operettenhaftes Dilemma, aufgesetzte Künstlichkeit oder artifiziellen Jazz-Pop erwartet, liegt falsch.

Weills Musik ist zeitlos, war geradezu visionär für die damalige Zeit, und sie vollzog einen abenteuerlichen Brückenschlag zwischen Jazz, Avantgarde und klassischer Komposition. Welche Band läge da für eine Neuinterpretation näher als die SLUT, die sich von Album zu Album konsequent neu erfinden, die Band, die so präzise, reduziert und gleichfalls kongenial episch zu faszinieren weiß. Die fünf Musiker haben den Geist von Weills Stücken verinnerlicht, im brechtschen Sinne wieder mit Leben gefüllt und in ihrem eigenen musikalischen Kontext neu aufleben lassen.

Brechts "Dreigroschenoper", ein Lehrstück für das Proletariat um den Konkurrenzkampf zweier Krimineller, gilt als erfolgreichstes deutsches Theaterstück weltweit. Die Geschichte: Polly, die Tochter des geachteten Bettler-Paten Peachum verliebt sich in den Gauner Macheath, genannt Mackie Messer, der seinerseits den Londoner Straßenraub kontrolliert. Eine solche Schmach will Peachum nicht auf sich sitzen lassen und lässt Mackie, von der Hure Jenny denunziert, verhaften.

Im Rahmen der Neuinszenierung am Theater Ingolstadt wurde die Band gebeten, an einer musikalischen Interpretation zu arbeiten, deren Umsetzung dann trotz einschlägiger Erfahrung in Sachen Soundtrack (u.a. "Crazy", "Die fetten Jahre sind vorbei") und der Vertonung einiger anderer
Theaterstücke ein gutes Jahr in Anspruch nehmen sollte. Im Oktober 2005 standen SLUT schließlich mit dem Ingolstädter Ensemble gemeinsam auf der Bühne, und agierten als Schauspieler und Musiker zugleich. Man war mit dem Ergebnis sehr zufrieden - mit der Wirkung aber, sowohl
Publikum als auch Kritiker reagierten nahezu euphorisch, hatte nicht mal die Band selbst gerechnet. Im Februar 2006 wurde man schließlich auf die Kurt-Weill-Festspiele eingeladen, um dort im ehrwürdigen Bauhaus Dessau die Dreigroschenopersongs zu präsentieren.

"Wir haben damit keinen Kulturauftrag angenommen, um anderen Menschen das Werk von Brecht nahe zu bringen, und möchten bei Gott nicht schulmeisterlich daherkommen. Die Songs sind einfach mittlerweile zu unseren eigenen Stücken geworden, weswegen wir sie dann auch veröffentlichen wollten.", so Sänger Chris.

Zusammen mit dem Hamburger Produzenten Tobias Levin (Kante, Tocotronic) wurden 13 Songs der Bühnenfassung nochmals überarbeitet und warten auf ihre komplette Veröffentlichung. Letztlich können aus rechtlichen Gründen momentan lediglich fünf "Hits" aus dem Theaterstück auf der "kleinen Dreigroschenoper" veröffentlicht werden. Nichtsdestotrotz wurde so ein kleines, aber sehr feines Album geschaffen, das in der Reihe der außergewöhnlichen SLUT-Alben mühelos bestehen kann.

Herausstechend sind heute wie damals die Kernstücke der Oper. Allen voran "Die Moritat von Mackie Messer" und das "Eifersuchtsduett". Hierbei wurde die Band vor besondere Herausforderungen gestellt:

"Die Moritat war definitiv das heikelste Stück, zumal sich viele Bands und Musiker bereits daran versucht haben. Es galt über vier Minuten Monolog die Spannung zu halten und bestenfalls zu steigern.", so Chris.

"Die Moritat" geriet unter der Regie von SLUT zum Epos: mittels vieler subtiler Steigerungen spielt sich die Band in einen Taumel, in einen elektrisierenden Rocksong, der noisig-wuchtig nach vorne
prescht.

Das "Eifersuchtsduett", ursprünglich für zwei Frauenstimmen - Jenny und Polly - geschrieben, bereitete anfangs auch Schwierigkeiten. "Wir haben überlegt das Stück mit zwei Gastsängerinnen
aufzunehmen, doch dann mit Tobias die Bühnenversion so weit überarbeitet, dass hinterher keine andere Stimme mehr denkbar war als die von Chris", erklärt Matthias. "Die Albumversion ist auf jeden Fall sehr anders als die Theaterfassung". Gerade bei solchen Stücken kann man die wahre Größe
SLUTs ausmachen: Melodiegewaltig, rhythmisch verspielt und vertrackt, dennoch eingängig und visionär.

Kurzum: Die Ingolstädter zementieren förmlich ihren Status als außergewöhnlichste, revolutionärste Band Deutschlands. SLUTs "Dreigroschenoper" ist ein Hörerlebnis, weil es die unterschwellige Kritik in Brechts Texten, das musikalische Genie Kurt Weills und das Popverständnis sowie die ungeheure Vielfalt der Band SLUT zu vereinen und transportieren weiß. Eigentlich schade, dass bereits nach fünf Stücken der Vorhang fällt. Label und Band bemühen sich verstärkt, die "Dreigroschenoper" als kompletten Longplayer mit allen 13 relevanten Stücken veröffentlichen zu können. Bis dahin wird "Die kleine Dreigroschenoper" für unter 10 Euro in den Läden stehen und die Feierlichkeiten zum 50. Todestag von Bert Brecht im August auf eine musikalisch moderne Weise eröffnen.

Im Sommer werden SLUT einige ausgewählte Festivals spielen, bevor im Herbst aller Voraussicht nach die Tour mit der Musik durch deutsche Theater folgen wird.

Tracklisting "Die kleine Dreigroschenoper":

01 Die Moritat von Mackie Messer
02 Seeräuberjenny
03 Kanonen Song
04 Eifersuchtsduett
05 Zweites Dreigroschenfinale

www.slut-music.de

ACHTUNG: SLUT stehen jederzeit für Interviews zur Verfügung!

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